Gruppe AdoleScER
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Die Gruppe AdoleScER – Gesundheit, Bildung und Bürgerrechte ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Recife (Brasilien), die im Oktober 2000 gegründet wurde. Unsere Mission sehen wir darin, einen nachhaltigen Beitrag zu leisten zur ganzheitlichen Bildung sozial gefährdeter Jugendlicher. Verschiedene pädagogische Massnahmen sollen ihr Selbstbewusstsein, ihre Identität und ihre Ausdrucksfähigkeit so weit stärken, dass sie in die Lage kommen, sich in sozialen Gremien, politischen und kulturellen Gruppen ihres Umfeldes, vor allem auch unter Gleichaltrigen, positiv einzubringen. Die jungen Menschen sollen lernen, ihre Interessen zu vertreten, auf der Grundlage einer ethischen Haltung und der Sinnfindung ihres eigenen Leben, im Respekt vor den Unterschieden, die im zwischenmenschlichen Bereich bestehen.

AdoleScER lässt sich bei ihrer Arbeit von folgenden Grundsätzen leiten

I) Ausbildung jugendlicher Informationsmultiplikatoren (JIM): Ausgewählte Jugendliche aus verschiedenen Favelas (Elendsviertel) werden in einem Drei-Jahres-Kurs befähigt, Gleichaltrige ihres Umfeldes über die in diesem Alter vorherrschenden Risiken aufzuklären und so vorbeugend zu wirken. Die Ausbildung lässt sich nicht mit dem traditionellen Schulunterricht vergleichen.

AdoleScER vermittelt den Jugendlichen:

a) die Fähigkeit, die Haltung der Gesellschaft bezüglich menschlicher Werte, Bürgerrechte, Umwelt und der Rolle von Mann und Frau kritisch zu hinterfragen und Diskriminierungen aufgrund der sozialen Stellung, der Rasse, einer Ideologie oder Religion entgegenzuwirken;

b) Kenntnisse und Lebensgewohnheiten, die ihre körperliche und geistige Gesundheit stärken sowie die nötige Aufklärung, um sie vor ungewollter Schwangerschaft in der Pubertät, Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten, Aids, Drogenkonsum und sexueller Ausbeutung zu schützen;

c) Erfahrungen über das Verhältnis des Menschen zum Transzendenten;

d) Ein ausgeprägteres Körperbewusstsein durch Tanzen – insbesondere durch das Erlernen lokaler und regionaler Volkstänze, die ihnen auch den Zugang zu ihrer kulturellen Identität öffnen;

e) Eine stärkere verbale und körperliche Ausdrucksfähigkeit, die sie motiviert, eigene Theaterstücke und andere Bühnenspiele zu verfassen und zu inszenieren;

f) Einen korrekteren Gebrauch ihrer Muttersprache durch sie ansprechende Lernmethoden, die ihre Kommunikationsfähigkeiten verbessern;

g) Den Kontakt zu neuen Technologien, vor allem dem Computer, um ihnen die Eingliederung in moderne Arbeitsprozesse zu erleichtern;

h) Didaktische und methodische Kenntnisse und Fähigkeiten, welche für die Aufklärungsarbeit der JIM bei Vorträgen in Schulen, Debatten in Gemeindegremien, Diskussionen mit Jugendlichen usw. nützlich sind.

II) Ausarbeitung von Informationsmaterial für Jugendliche, das sie selber mitgestalten. Die Unterlagen werden dann sowohl in der Ausbildung der JIM als auch bei den Aufklärungsaktivitäten mit Gleichaltrigen eingesetzt.

III) Durchführung von Kursen mit Gruppen schwangerer Jugendlicher, die dazu beitragen, den jungen Frauen nicht nur die wichtigsten Informationen über Schwangerschaft und Geburt, sondern auch ein positives Erleben der Mutterschaft zu vermitteln. Beratung über Ernährung, Hygiene und Pflege des Kindes.

IV) Regelmässige Durchführung von Weiterbildungsveranstaltungen für Erzieher und Erzieherinnen von Jugendlichen. Dabei werden innovative Methoden angewandt und die persönliche Weiterentwicklung auf der Grundlage einer ganzheitlicher Bildung angestrebt.

V) Förderung technischer, pädagogischer und wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten und Universitäten, die sich schwerpunktmässig mit dem Thema Jugendarbeit befassen.

VI) Unterstützung der JIM durch den Besuch von berufsvorbereitenden Kursen, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen.

VII) Förderung und Begleitung von Projekten und Aktionen mit Organisationen sowie mit Gremien in den Favelas, die den Jugendlichen zugute kommen.


Das Arbeitsteam

Unser Team setzt sich aus Fachkräften zusammen, die über umfassende Erfahrungen verfügen in nachhaltigen kommunitären Entwicklungsprogrammen, vor allem in den Bereichen Erziehung und Gesundheit. Es handelt sich um Erzieher und Erzieherinnen unterschiedlichster Berufsrichtungen wie Pädagogik, Psychologie, Logopädie, Krankenpflege, Kunst- Sport- oder Tanzerziehung und Informatik sowie um Professoren der Bundesuniversität des Bundesstaates Pernambuco. Auch von uns ausgebildete Jugendliche aus Projektgebieten, die sich durch besonderes pädagogisches Geschick auszeichnen, werden in die Ausbildungsarbeit integriert. Unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern findet ein intensiver Austausch statt, der wegen der unterschiedlichen Kenntnisse und Erfahrungen aller Beteiligten besonders fruchtbar ist für die Arbeit mit den Jugendlichen. Dies gewährleistet eine zielgruppennahe Planung und Durchführung aller pädagogischen Interventionen mit einem hohen Grad an Flexibilität und Effizienz. Die Erfolge der vergangenen Jahre bestätigen die Richtigkeit der praktizierten Methode.


Die Einsatzgebiete

Die Gruppe AdoleScER ist zurzeit in fünf Projektgebieten tätig, in deren Einzugsbereich acht Favelas liegen. Es handelt sich um folgende Gemeinden:
1) Ilha Santa Terezinha, Beco dos Casados und Campo do Onze im Stadtteil Santo Amaro, Recife.
2) Roda de Fogo, im Stadtteil Torrões, Recife.
3) Caranguejo und Gurupé, im Stadtteil Ilha do Retiro, Recife.
4) Santa Luzia, im Stadtteil Torre, Recife.
5) Pixete, im Stadtteil Nova Esperança im Nachbarort São Lourenço da Mata.
In vier der fünf Projektgebiete wurden von uns kleine Stützpunkte errichtet, die von den dort ausgebildeten JIM geleitet werden.


Die Zielgruppe

Die Teilnehmergruppen sind unterschiedlich gross mit durchschnittlich 20 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 20 Jahren. Neben den zirka 120 jungen Menschen, die jährlich in den intensiven dreijährigen Ausbildungsprozess integriert sind, werden vor allem jeweils im letzten Semester durch die eher formalen Übungen der Kenntnisvermittlung vor Schulklassen und Gruppen im eigenen Wohnumfeld durchschnittlich weitere 500 Jugendliche pro Favela erreicht. Dabei muss hervorgehoben werden, dass der Austausch sich nicht auf die vom Curriculum geforderten Aktivitäten beschränkt. Da sich die Schulen in direkter Nachbarschaft der betreuten AdoleScER-Jugendlichen befinden, ist allein durch diese geographische Nähe zur Zielgruppe ein vertiefender Meinungsbildungsprozess sichergestellt. Quantitativ nicht erfassbar ist die weit grössere Anzahl der Personen, die direkt oder indirekt von der informellen Informationsvermittlung profitieren, die schon bald nach dem Beginn der Arbeit in den Gruppen einsetzt: z. B. die eigene Familie, Gleichaltrige in der Nachbarschaft, auf dem Schulhof, auf der Strasse usw..


Förderinstitutionen und Kooperationen

Die Gruppe AdoleScER wird seit ihrer Gründung hauptsächlich von folgenden zwei Organisationen in Deutschland unterstützt:


1) Manfred Crisand-Stiftung zu Mannheim über die Missionszentrale der Franziskaner mit zirka 90 Prozent des Gesamtbudgets;

2) Förderkreis für Brasilien in Hochheim in Zusammenarbeit mit dem Weltfriedensdienst und der Stiftung für Internationale Solidarität und Partnerschaft (Berlin).

Im vierten Jahr ihres Bestehens kam es auf lokaler Ebene zu einer erfreulichen Zusammenarbeit zwischen der Gruppe AdoleScER und öffentlichen Unternehmen und Universitäten. Die staatlichen Wasserkraftwerke CHESF (Companhia Hidroeletrolítica do São Francisco), bildeten im Zusammenhang mit dem Null-Hungerprogramm der brasilianischen Regierung zehn JIM als Hochspannungselektriker aus. Für die betroffenen Jugendlichen war diese Initiative sehr wertvoll, verbessert doch allein ein Zertifikat dieses anerkannten Unternehmens ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt massgeblich. Für die Gruppe AdoleScER wiederum war sie ein Zeichen öffentlicher Anerkennung ihrer Arbeit.

2004 schloss die Gruppe AdoleScER zudem Kooperationsverträge mit drei Fakultäten der Bundesuniversität von Pernambuco (UFPE - Universidade Federal de Pernambuco), und zwar in Pädagogik, Medizin und Krankenpflege. Mit der Fakultät für Ernährungswissen-schaften arbeitet unsere Organisation schon seit längerem zusammen und wird dies weiterhin tun. Es handelt sich bei dieser Initiativen um die Integration der Studenten dieser Fachbereiche in die Arbeit von Organisationen, die sich benachteiligten Bevölkerungs-schichten widmen. Auch übernehmen im Fall der Gruppe AdoleScER die Studenten unter Supervision der Professoren und Professorinnen einen Teil des Unterrichts mit den Jugendlichen. Sie lernen dadurch die Realität der armen Bevölkerung besser kennen, und es besteht die berechtigte Hoffnung, dass diese Erfahrung beiden Seiten hilft, die hohen Barrieren zwischen den sozialen Schichten abzubauen.


Auswahlprozess für die Ausbildung zum JIM

In neuen Projektgebieten nimmt die Gruppe AdoleScER zunächst Kontakt auf mit den verantwortlichen Personen der in den Favelas existierenden Nachbarschaftsorganisationen. Sie werden sozusagen Partner vor Ort und übernehmen dabei eine wichtige Rolle als Vermittler zwischen AdoleScER und den Bewohnern, inklusive den an der Ausbildung interessierten Jugendlichen. Wer bei AdoleScER am Aussbildungskurs zum jugendlichen Informationsmultiplikator mitmachen will, muss folgende Kriterien erfüllen:

- Alter zwischen 11 bis 13 oder zwischen 14 und 16 Jahren (je nach Priorität in der jeweiligen Gemeinde);

- Schulbesuch ist Pflicht; der/die Jugendliche muss wenigstens lesen und schreiben können. Es wird immer nur vor- oder nachmittags mit den Jugendlichen gearbeitet, je nachdem, wann sie in der betreffenden Gemeinde Schulunterricht haben;

- Die Jugendlichen müssen ein eindeutiges Interesse bekunden und sich verbindlich festlegen, an der drei Jahre dauernden Ausbildung bei der Gruppe AdoleScER teilzunehmen;

- Zwei Tests, welche Eignung und Neigung der Teilnehmer genauer abklären, vervollständigen das Auswahlverfahren.

Im Laufe der Ausbildung wird mittels schriftlicher Prüfungen über die durchgenommenen Themen der Wissenstand der Kursteilnehmer ermittelt. Die Fachkräfte beurteilen zudem im laufenden Erziehungsprozess kontinuierlich die Entwicklung der Teilnehmer, vor allem ihre Fähigkeit, Informationen weiter zu vermitteln. Diese „Multiplikationsarbeit“ geschieht u. a. in Gesprächsrunden, zu denen die JIM andere Jugendliche ihrer Gemeinde einladen und in denen sie über ein bestimmtes Thema referieren, oder durch methodisch und visuell gut vorbereitete Vorträge, die sie vor Schülern in öffentlichen Schulen halten.

Nach den ersten drei Monaten regelmässiger Zusammenkünfte beginnt der Ausbildungs-kurs effektiv mit anfänglich vier und ab dem zweiten Semester mit fünf Treffen wöchentlich, die je nach Materie zwei bis drei Stunden dauern. Insgesamt sind es zirka 2100 Unterrichtsstunden. Nach den ersten beiden Ausbildungsjahren findet nochmals eine Selektion statt. Im dritten und letzten Jahr sind nur noch diejenigen dabei, die tatsächlich das Profil eines jugendlichen Informationsmultiplikators in Gruppensituationen erfüllen. Dadurch wird verhindert, dass vereinzelte Teilnehmer, die weder intellektuell und schulisch noch vom Persönlichkeitsprofil her für diesen Teil der Aufgabe geeignet sind, dennoch bis zuletzt am Kurs teilnehmen. Zugleich können auf diese Weise die Jugendlichen, die dieser Aufgabe gewachsen sind, intensiver betreut werden. Wer nach dem zweiten Jahr ausscheidet, wird für einfachere Aktivitäten innerhalb der Zielsetzungen der Gruppe AdoleScER angeleitet und auch an berufsvorbereitende Kurse vermittelt.


Stipendium für die JIM

Da ausschliesslich Jugendliche aus ärmsten Verhältnissen als JIM rekrutiert werden und diese zudem zum Familieneinkommen beitragen müssen, erhält jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin ab dem sechsten Ausbildungsmonat ein monatliches Stipendium, welches bei 10 Prozent des geltenden Mindestlohns (zirka 10 Euro) beginnt und in den beiden folgenden Semestern um je 10 Prozent erhöht wird. Vom zweiten Ausbildungsjahr an beträgt das Stipendium bis zum Abschluss unverändert etwa 30 Euro.


Kontinuität nach Ausbildungsabschluss

Nach Beendigung der Ausbildung nehmen die JIM ihre Multiplikatorentätigkeit in ihren jeweiligen Gemeinden auf. Diese wird vorrangig in den eingangs erwähnten, von uns in fast allen Projektgebieten errichteten Stützpunkten durchgeführt. Die Qualität der Arbeit der JIM wird mittels regelmässiger Supervision vor Ort durch die Fachkräfte der Gruppe AdoleScER sichergestellt. Aus der gesamten Gruppe werden stets zwei oder drei Jugendliche ausgewählt, die eine gewisse Leitungsfunktion übernehmen und die im intensiven Kontakt und Austausch mit den Mitarbeitern von AdoleScER stehen. Sie nehmen an den Teamsitzungen teil, wodurch eine adäquate, ihrem Lebensumfeld entsprechende Planung und Durchführung der Arbeit garantiert wird.

Die von der Gruppe AdoleScER angewandte Methode „Gleiche bilden Gleiche aus“, auch „peer education“ gennant, ist international anerkannt und wird besonders in der Aufklärungsarbeit mit Jugendlichen als sehr effektiv beurteilt. Bedenkt man die misslichen sozialen, wirtschaftlichen und menschlichen Voraussetzungen dieser jungen Menschen und die Schwierigkeit, eingefahrene Verhaltensweisen zu ändern, darf die bereits geleistete Bildungsarbeit unserer Organisation anhand vieler gelungener Beispiele (s. auch Jahresberichte) als sehr erfolgreich betrachtet werden.




 

Wie arbeitet die Gruppe AdoleScER?